Wahre Geschichten, die zu Tränen rühren


Was Menschen während der offenen Diskussion mit dem Thema "70 Jahre Flucht - Fluchtgründe, Fluchtwege und Fluchtbewältigung" berichten, die selbst Flucht und Vertreibung erleben mussten

Es ist ganz still im Saal der Kreisvolkshochschule Harz als Walter Richter am 6. November in der Gesprächsrunde zum Thema “70 Jahre Flucht - 1945 bis 2015 - Fluchtgründe, Fluchtwege, Fluchtbewältigung” als Erster zu  erzählen beginnt. Er ist 88 Jahre alt und doch erinnert er sich noch sehr genau daran, was vor über 75  Jahren passiert ist und was Flucht für ihn bedeutet: Als sein Heimatdorf im Sudetenland geräumt wird, als er innerhalb von nur 10 Minuten sein Hab und Gut zusammen rafft, als seine Familie für immer die Heimat verliert und er seine Kindheitsträume begraben muss.

Auf die Frage von Pfarrerin Dr. Heide Liebold, die die Gesprächsrunde moderiert, wann Staßfurt für ihn zur Heimat wurde, schüttelt er nur den Kopf, wie etliche Zuhörer im Publikum auch. “Bis heute nicht”, bringt er unter Tränen nur schwer hervor. Im Laufe des Abends erzählen noch weitere Menschen ihre Lebensgeschichten, die von Flucht geprägt sind.

Anna Klocke hat täglich mit Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen zu  tun. Die Lehrerin unterrichtet in der Kreisvolkshochschule Harz Deutsch als Fremdsprache. “Wenn die Sirene beim Rettungsdienst nebenan schrillt, ist es für mich ein normaler Feueralarm. In den Gesichtern meiner Schüler zeichnet sich Panik ab. Für sie bedeutet das Signal Bombenalarm”, berichtet sie aus dem Unterrichtsalltag. “Den Menschen, ihrer Herkunft und ihrer Vergangenheit mit Respekt und Offenheit begegnen”, ist ihr Rezept, um mit Fluchterfahrungen umzugehen.

Tobias Kascha, Mitglied im Kreistag, kommt auf die Medien zu sprechen und mahnt einen kritischen Umgang mit ihnen. “Heutzutage bilden sich Menschen ihre Meinungen durch populistische Schlagzeilen, dabei steckt oft mehr hinter der Geschichte.”, wendet er sich vor allem an die jungen Konfirmanden im Publikum. Maximilian Wettges, Sozialarbeiter in der Koordinierungsstelle für Migration und Ehrenamt, bestätigt das: “Ich sehe abends eine Serie, in der böse Araber für Terror sorgen. Am nächsten Morgen stehe ich in der Wohnung einer netten arabischen Familie, die ich betreue und frage mich oft, wie das zusammen passt.

Wie sehr Flucht die Menschen in jeder Generation beschäftigt, wird während der offenen Gesprächsrunde klar. Die leeren Stühle im Podium, die jeder aus dem Publikum besetzen kann, der etwas beitragen möchte, bleiben nie lange frei.

Auch in der begleitenden Ausstellung sind unterschiedliche Generationen vertreten: Walter, Ilse, Tatjana, Frieda, Ibrahim und Kawa eint eine gemeinsame Geschichte. Walter ist 88 Jahre alt, Tatjana Anfang 50 und Ibrahim gerade 30 Jahre alt. Sie alle waren auf der Flucht. Aus dem Sudetenland, aus Tadschikistan und aus Afghanistan. Vor dem Krieg, vor dem Regime und vor einem Leben in Angst. Ihre persönlichen Geschichten und Fluchtwege sind zur Zeit in der ersten Etage der Kreisvolkshochschule Harz zu sehen.

 

Ein Projekt gefördert durch das Land Sachsen-Anhalt.


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